Liccaratur-Blog
09.11.2025
Interview auf der Messe AugsBuch: „Die Bedeutung kleiner Independent-Verlage“ – Ein Gespräch mit der Lektorin Karin Schweiger (Rossquelle)
Liccaratur-Verlag: Als Lektorin hast du viel Erfahrung im Umgang mit verschiedenen Verlagen. Was hältst du von kleinen, unabhängigen Verlagen wie uns?
Karin Schweiger: Kleine Independent-Verlage sind für mich die wahren Herzstücke der Literaturszene. Sie sind nicht von großen kommerziellen Interessen oder schnellen Verkaufszahlen getrieben, sondern verfolgen oft eine klare Vision – sowohl inhaltlich als auch ästhetisch. In diesen Verlagen entstehen Bücher, die einen gewissen „Charakter“ haben. Es sind nicht nur Produkte, sondern wirkliche Projekte, in denen Herzblut steckt. Die Freiheit, diese Geschichten auf eigene Weise zu gestalten und zu veröffentlichen, ist etwas, das in großen Verlagen oft verloren geht.

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Liccaratur-Verlag: Es wird oft gesagt, dass kleine Verlage ihre eigenen Herausforderungen haben. Was sind deiner Meinung nach die größten Hürden, denen ein kleiner Verlag heute gegenübersteht?
Karin Schweiger: Oh, das ist eine lange Liste! (lacht) Die bürokratischen Anforderungen sind eine riesige Herausforderung – Entwaldungsverordnungen, E-Rechnungen, Steuerfragen. Das alles muss von einem kleinen Verlag genauso beachtet werden wie von den großen Häusern, was viel Zeit und Energie kostet. Dann gibt es noch den Druck des Marktes: Wer nicht mit aktuellen Bestsellern mithalten kann, hat es schwieriger, in den Handel zu kommen. Und dennoch bleibt der Vorteil der Unabhängigkeit: Man kann entscheiden, welche Bücher man veröffentlichen möchte und welche Geschichten es wert sind, erzählt zu werden.
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Liccaratur-Verlag: Du hast gerade den Markt angesprochen. Wie nimmst du die Entwicklung des Buchmarkts wahr, besonders im Hinblick auf kleinere Verlage?
Karin Schweiger: Der Markt hat sich definitiv verändert. Große Verlage haben die Kontrolle über den Großteil des Marktes, und das spiegelt sich in den Vorgaben für Verkaufszahlen und Listungen wider. Kleine Verlage haben es schwerer, in den großen Buchhandel vorzudringen, besonders mit älteren Titeln. Wenn Bücher ausgelistet werden, bedeutet das oft das Ende der Sichtbarkeit, auch wenn sie noch von großer Qualität sind. Es gibt viel Konkurrenz, und das, was nicht dem Mainstream entspricht, wird schnell zur „Nische“. Das ist hart für kleinere Verlage, die deshalb selbst ihre Schätze nicht in größeren Auflagen verkaufen können.
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Liccaratur-Verlag: Du sprichst also die Problematik an, dass Bücher von kleinen Verlagen durch die Barsortimente schnell „ausgelistet“ werden. Was denkst du darüber?
Karin Schweiger: Es ist sehr bedauerlich. Es geht hier weniger um die Qualität eines Buches, als um Verkaufszahlen und die Dynamik des Marktes. Das bedeutet, dass viele Bücher, die ihren Wert über die Jahre hinweg behalten, irgendwann nicht mehr verfügbar sind. Aber für mich sind diese ausgelisteten Titel keine „Verfallsware“. Sie sind Leseschätze, die einen besonderen Platz im Herzen von Leserinnen und Lesern verdienen – oft gerade dann, wenn sie nicht mehr die Aufmerksamkeit bekommen, die sie in der Masse der Bestsellerlisten bekommen sollten.
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Liccaratur-Verlag: Wir haben beschlossen, auch diese „ausgelisteten“ Bücher weiter über unseren eigenen Online-Shop zu vermarkten, nicht als „Resterampe“, sondern als „Leseschätze“. Wie stehst du zu dieser Entscheidung?
Karin Schweiger: Ich finde das großartig. Es gibt so viele Bücher, die es verdient haben, weiter gelesen zu werden. Und es gibt immer Menschen, die diese Schätze entdecken wollen – auch wenn der Mainstream sie längst vergessen hat. Die Entscheidung, ein Buch weiterhin anzubieten, bedeutet für mich eine tiefe Wertschätzung für das, was Literatur eigentlich ausmacht: einen Dialog zu schaffen, der über den Verkaufsmarkt hinausgeht. Es ist eine Möglichkeit, den Fokus auf die Qualität der Geschichten und nicht auf kurzfristige Trends zu legen.
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Liccaratur-Verlag: Was motiviert dich persönlich, weiterhin in der Literatur- und Verlagswelt tätig zu sein, trotz der Herausforderungen und der Tatsache, dass viele Autoren nicht vom Schreiben leben können?
Karin Schweiger: Es sind die Geschichten selbst. Es ist die Freude an der Entdeckung neuer Ideen und Perspektiven, die uns weiter treibt. Auch wenn der finanzielle Erfolg nicht immer da ist, bleibt die literarische Arbeit ein wertvolles Gut. Und gerade kleine Verlage, die oft mit Leidenschaft und einer klaren Vision arbeiten, tragen dazu bei, dass diese Geschichten überhaupt eine Chance haben. Sie sind ein wichtiger Bestandteil des kulturellen Lebens.
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Liccaratur-Verlag: Was würdest du unseren Leserinnen und Lesern zum Schluss mit auf den Weg geben?
Karin Schweiger: Ich würde ihnen raten, offen zu bleiben für die Entdeckung von „unbekannten“ Titeln. Kleinere Verlage bieten oft eine Vielfalt und Tiefe, die man in den Bestsellerlisten selten findet. Wenn euch ein Buch gefällt, unterstützt es. Und wenn ihr auf ein älteres Werk stoßt, das aus dem Handel genommen wurde, seht es nicht als „Vergangenes“, sondern als etwas Wertvolles, das vielleicht genau jetzt den richtigen Leser finden kann. Diese Bücher haben oft eine besondere Zeitlosigkeit und bleiben über den momentanen Trend hinaus relevant.
Liccaratur-Verlag: Herzlichen Dank für das Gespräch!
Messe Augsburg - AugsBuch 2025 - 08.11.2025
Admin - 09:51:00 @ Allgemein, Autorenleben | Kommentar hinzufügen